Wie Frank Butschbacher ums Haar eine Wallfahrt nach Mariazell gemacht hätte, kurz davor noch die Kurve ...

Friedhof Weichselboden an der Salza, Blick auf die Hochschwabgruppe.
Friedhof Weichselboden an der Salza, Blick auf die Hochschwabgruppe.

... gekriegt hat, dann aber doch unter die Wallfahrer fiel und am Ende heil & froh ins Gesäuse geradelt ist.

 

Das kam kam so: An Pfingsten war schönes Wetter angesagt, damit auch ein langes Wochenende in Landl im Gesäuse (Stmk.). Kurz davor überkam mich spontan eine Eingebung: Ich will da mit dem Rad hin!

 

Ein Blick auf die Karte und der Ehrgeiz war gezähmt: 200 km Luftlinie, dazwischen viel Berg und Tal. Wer mich kennt, wird sich wundern, aber ich bin durchaus kompromissfähig und habe die Eingebung modifiziert. Mit dem Zug also über den Semmering bis Mürzzuschlag, Freitag nachmittags nach getaner Arbeit. Um halb 6 abends kam ich dort an und radelte los.

Labestation Ebneralm in Johnsbach. Das war nach meiner Radtour, am Pfingstmontag, kleine Wanderung mit Freunden. Mehr Bilder - siehe unten. s.u.
Labestation Ebneralm in Johnsbach. Das war nach meiner Radtour, am Pfingstmontag, kleine Wanderung mit Freunden. Mehr Bilder - siehe unten. s.u.

Nette Strecke zuerst, ein Radweg führt auf der Trasse einer ehem. Bahnstecke ins "Gebirch" hinein. Ein netter Radler, den ich beim Bahnhof kurz per Zuruf nach der Richtung gefragt hatte,  fuhr mir sogar ein paar hundert Meter nach, um mir den "Einstieg" in den Radweg auch ganz genau zu erklären.

 

So 20 km gings flott dahin, die Stimmung prima, die Sonne noch immer warm. Dann aber - die Abzweigung in Mürzsteg. Der Radweg war längst zuende, das Flott-Dahinradeln dann auch bald. Und dann kam der Anstieg aufs - sträflich verharmlosend so genannte - Niederalpl. (Oder sagt man "nach", nicht "aufs"?).

 

440 Höhenmeter und eine Stunde hinter Mürzsteg war ich dann endlich oben, auf der Passhöhe Niederalpl. Die hat viele Vorteile, Schilift und so, aber vor allem ein Gasthaus, in dem ich bereits ein Zimmer reserviert hatte. Der Plodererhof, ex Gamsjäger und ein Möchtegern "Little Nashville" ("von Zeit zu Zeit geben wir Country Musik" - Glück gehabt!), war aber nicht nur meine Anlaufstelle: Die Bude war brechend voll. Die Stimmung so mit Frohsinn- und Wanderliedgut gesättigt wie mit Nikotin und Teerdämpfen.

 

Hartes Pilgermaterial

 

Erst am nächsten Morgen beim Frühstück dämmerte mir: das waren alles Mariazell-Pilgerer! Mariazell - für den nicht von hier stammenden: das ist die niederösterreichische Antwort auf Lourdes, plus Rom, plus Altötting.

 

In meinem Zimmer, genauer: Lager, nächtigten noch vier sanges-, kartenspiel- und trinkfreudige jüngere Herren, sehr zünftig aufgemacht in Lederhosen und schwarzen Polohemden. Als die am nächsten frühen Morgen (sie waren selbstverständlich nach mir zu Bett gegangen) dann um 5.15h mit dem allerersten Sonnenstrahl aufstanden, da hörte ich im Halbschlaf ein Geräusch, das mich erfürchtig werden ließ: Es klingelt und klangelte, dass mir die Karabinerhaken und anderen klettertechnischen Ausrüstungsgegenstände auch die Phantasie klingeln ließen.

 

Sicher waren das kernige Bergsteiger, die nach beinah durchzechter Nacht jetzt hurtig 1000 Höhenmeter senkrecht hinter sich bringen würden, um zu Mittag von einem zünftigen Hochschwabhüttenwirtn die Brettljause serviert bekämen. Nach dem Frühstück schaute ich beim Zähneputzen zufällig in den Mülleimer im Badezimmer: Das Klingeln war damit erklärt, mindestens 20 Schnapsfläschchen hatten die Burschen da noch entsorgt. Ihr Weg führte sie auch nicht die Steilwand hinan, sondern rüber nach Mariazell. Pilger eben.

 

Mein Weg führte dann gefühlte 1000 Höhenmeter ebenfalls gefühlt senkrecht nach unten, die Passstrasse eben auf der anderen Seite wieder runter. Dann Richtung Mariazell, in Gusswerk aber eingebogen Richtung Wildalpen und von da an die Salza entlang.

 

So 80 Kilometer dann diesen herrlichen Fluss entlang, die sog. Hochschwabstraße. Relativ gemütlich, vom "Hals" abgesehen - das einzige, aber doch mühsame Pässchen auf der Strecke, die sonst durchgehend dem Fluss folgt. 

 

Landschaftszerstörung und Energiehunger

 

Statt epischer Landschaftsbeschreibungen, die der alte Stifter besser und langweiliger als ich beherrschte, hier die Gedanken des dilettierenden Technik- und Wirtschaftshistorikers:

 

Beeindruckend war die Presceny-Klause bei Weichselboden, eine romantische Zwischenstation. Nur wars eben nicht Romantik, die die Leute dazu gebracht hat, das schöne Tal zu vermauern, sondern die industrielle Nutzung der Energiequellen der Gegend - Holz. Die Salza musste für den Holztransport ganzjährig schiff-, genauer flößbar gehalten werden. Rücksicht auf die Natur? Wir brauchen die Holzkohle zum Eisenschmelzen, Bierbrauen, Brotbacken und Heizen, um nur ein paar Gründe zu nennen, warum der Wald eigentlich in ganz Mitteleuropa so um 1800 beinahe mit Stumpf und Stiel ausgerottet worden wäre.

 

Ich kann eine Fahrt entlang der Salza nur empfehlen (machen übrigens - auf dem Wasser - auch hunderte von Wildwasserkanuten). Die Gegend hat für den, der sich dafür interessiert, noch einige historische Stätten zu bieten, an denen sich die Landschaftszerstörung früherer Zeiten nachvollziehen lässt.

 

Etwa im Köhlermuseum in Hiflau. Dort qualmten zu Kaisers Zeiten die meisten Hochöfen der Monarchie, verhütteten das Erz vom nahen Erzberg, verbrannten die Bäume aus den Gesäusebergen und verräucherten und verrußten die ganze Gegend.

 

Als Schlechtwetterprogramm ist z.B. ein Besuch im Forstmuseum Silvanum in Großreifling zu empfehlen. Auf Modellen und alten Fotos wird dort gezeigt, wie die Menschen zu alten Zeiten den Wald als Energiequelle ohne Rücksicht auf die Natur ausgebeutet haben - mit riesigen Holzrutschen, Trift- und anderen Transportanlagen war die ganze Gegend offenbar verbaut, vermauert und verschandelt.

 

Heute eine herrliche Urlaubsgegend - Urlaub auf der Industriebrache?

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