The Cheater in the Kitchen: Kartoffelknödel

Blitzartig gemacht: Kartoffel(packerl)knödel mit Mohn-Zwetschken-Fülle, gewälzt in einer Semmel- und Keksbröselmischung. (Foto: Frank Butschbacher)
Blitzartig gemacht: Kartoffel(packerl)knödel mit Mohn-Zwetschken-Fülle, gewälzt in einer Semmel- und Keksbröselmischung. (Foto: Frank Butschbacher)

Der junge Mann und sein Alter waren allein zuhause, jedenfalls bis nach dem Abendessen. Der Auftrag: Dem jungen Herrn was vorsetzen, war er auch isst. Und da Gewalt selbst als subtile Drohung zwar in der Küche ihre Rolle hat (zum Dosenöffnen etwa), nicht aber bei Tisch, waren die Rahmenbedingungen klar: es sollte (ihm) auch schmecken.

 

Also ran an die Obstknödel. Nachdem ich neulich mal aus einem Kartoffelmehl-Packerl ganz brauchbare Mohnzelten herausgeholt hatte (dazu andermal mehr, das Projekt ist noch ein Prototyp), sollte die Sache mit den Obstknödeln mit einfachsten Mitteln erfolgen. Die Botschaft hier: die Dinger aus dem No-Name-Packerl werden richtig gut. Einfach isses eh. Und kosten tuts praktisch nix.

 

Hier also die Vorgehensweise für geniale


Kartoffelknödel mit Zwetschken-Mohn-Füllung

 

Auf der Packung steht, wie's geht:

für 10 Obstknödel einen Beutel (335 g / 2, weil 2 Beutel drin waren) nehmen.

1 Ei auf 250ml Wasser aufgießen, vorher aufschlagen und leicht verrühren empfohlen ...

Verrühren, 15min ruhen lassen. Finito.


Vor dem Teigmischen schon mal 2 Liter (leicht gesalzenes) Wasser oder etwas mehr anheizen, es geht nachher Schlag auf Schlag - also keine Zeit verlieren.

 

Die Zwetschkenfülle habe ich improvisiert. Rohe Zwetschken versteckt in einem Knödel heiß machen? Was soll das werden? Das bleiben unweigerlich relativ harte, halbrohe Dinger. Ich wollte sie matschig.


Hab also 6 oder 7 Zwetschken kleingeschnitten, in etwas Wasser angesotten, gleichviel Zucker drauf gegeben und die Zwetschkenwürfel relativ weich gekocht. Weil aber auch diese Würfel im Kochsud noch immer keine knet- oder formbare Fülle darstelen, kamen etwa 2 EL Semmelbrösel und 4 EL gemahlener Mohn dazu. Das war der Bringer.


Marzipan hab ich auch reingebröselt, aber wohl etwas wenig - geschmacklich hats nicht rasend viel gebracht.


Die Fülle muss jedenfalls mit Bröseln oder Mohn oder beidem behandelt werden, dass sich mit dem Teelöffel wie von einem festen Brei kleine Portionen abnehmen lassen.


Wenn der Kartoffelteig 15 min gerastet hat, könnte ungefähr auch die Fülle fertig sein (wenn die Zwetschken vorher schon geschnitten waren ...). Jetzt stellst du Schüssel oder Schale mit Wasser neben den Teig. Darin machst du beim Formen nach Bedarf die Hände nass, dann flutscht das besser.


Das Formen geht ganz einfach


Mit einem Esslöffel Teig - Menge wie ein Golfball, evtl. wie ein kleines Ei - abnehmen, mit feuchten Händen flachdrücken. Einen Teelöffel Fülle in die Mitte und vorsichtig den flachen Teiglappen um die Fülle formen. Am Ende die "Naht" mit Daumen und Zeigefinger zusammendrücken oder -zwicken. Ich hab damit gerechnet, dass mir die Fülle beim Kochen rausgewaschen wird, aber auch die weniger gut verschlossenen Knödel (bei einem war die Fülle sogar ein bisschen zu sehen) haben brav zusammengehalten. Mach bei den ersten Knödeln nicht zu viel Fülle rein, das macht das Verschließen und Kugelformen unnötig schwer. Die verschlossenen Dinger habe ich zwischen den Händen gerollt, so kommen sie schön in Form. Dazu war auch das Wasser gut - deine Hände werden nach zwei, drei Knödel etwas klebrig vom Teig - ins Wasser tauchen, Formen geht wieder.


Es hat meiner Meinung nach keinen Sinn, zu viel reinzufüllen, um die "gute Fülle aufzubrauchen" - das ist ohne Zweifel brav gedacht (kein Abfall, Welt retten und so), aber heb dir diesen Ansatz für spätere Knödel auf, wenn du die Mengen besser im Griff hast. Beim Knödelmachen wird die Welt nicht entscheidend verbessert ...


Wie groß du die Knödel machst, ist eine Frage des Könnens und des Geschmacks. Ich mag sie nicht wesentlich größer als Golfbälle.


Die fertigen Bälle habe ich auf einen Teller gelegt und dann alle relativ gleichzeitig in das heiße Wasser gegeben. Achtung: Es soll gekocht haben, darf dann aber nicht mehr sprudeln. Die Knödel bleiben 15 Minuten im Bad, haben also genug Zeit zu garen. Wenn das Wasser sprudelt, gar wallt, riskierst du nur, dass deine mühsam geformten Knödel sich auflösen und du eine feinen, aber sehr dünnen Kartoffel-Zwetschken-Brei kochst. Das war nicht der Vorschlag hier!


Die Knödel haben anscheinend eine innere Uhr, sie sind jedenfalls präzise nach 15 Minuten vom Topfboden aufgestiegen.


Die Brösel


Kartoffelknödel sind ja ganz nett, aber Fülle hin oder her - das ist weder geschmacklich noch optisch das Gelbe vom Ei. Wir brauchen schön geröstete Brösel, um die fertigen Knödel darin zu wälzen.


Das geht so: ein bis zwei EL Butter in einem Topf schmelzen, 4-5 EL Semmelbrösel und 3 EL Zucker dazu. Gut mischen. Dann noch 2-3 EL fein zerbröselte Kekse dazu. Warum nicht eine Prise Zimt mit druntermischen. Alles goldbraun rösten. Die Mengen sind schätzometrische Angaben - du probierst einfach, ob die Masse schmeckt (Achtung, heiß!). Und wenn du das Gefühl hast, die Brösel sind nicht alle eingefettet worden, gibt mehr Butter rein. Für die Low-Carb-Diät ist das Rezept eh nicht ideal.


Die Keksbrösel hatte ich aus Bosnien mitgebracht. Da gibt Plazma-Kekse (wohl eine Art Butterkeks), sowohl am Stück, aber auch als Brösel. Damit kann man vom Müsli bis zum Babybrei (???) angeblich alles upgraden. Du kannst auch einfach 5, 6 Butterkekse in einen Tiefkühlbeutel geben, dann einen Amboss draufhauen oder sie - etwas ziviler - mit dem Nudelholz zerbröseln.


Die gerösteten Brösel also in einen tiefen, weiten Teller geben, die fertig gezogenen Knödel aus dem Wasser nehmen (2 Löffel, besser ein Schöpfer), abtropfen lassen und dann vorsichtig durch die Brösel rollen. Ggf. mit einen Löffel drehen, bis alle Seiten sittsam bekleidet sind.


Fertig.


Die Sache ist in 40 Minuten auf dem Tisch, wenn du das Wasser gleich am Anfang aufstellst, während der Teigruhe fix deine Fülle zauberst und nicht hektisch, aber zügig Knödel formst. Rechne am Anfang für das Formen - du kriegst etwa 10 mittlere, vielleicht 12 kleine Knödel raus - knapp 10 Minuten. Wenn du dir mit der Fülle nicht sicher bist, mach die lieber ganz zuerst, die muss ggf. eh noch abkühlen und das ist eventuell besser so rum, als den Knödelteig zu lange stehen zu lassen (nicht dass ich wüsste, was der z.B. nach 30 min dann anders machen würde... habs noch nicht ausprobiert). 


Bei den Füllen sind der Fantasie natürlich keine Grenzen gesetzt. Jeder darf reinfüllen, was er/sie da hat und ihm/ihr schmeckt, vollreife Marillen bzw. Zwetschken mit einem Stück Würfelzucker, warum nicht Kirschen, oder auch Mohn-, Nuss- und ähnliche Massen sowie alle selbstgebastelten Schoko-Nougat-Nutella-Marzinpanpampen.


Das gefällt mir so an den Kartoffelknödeln: da gibts zwar 1000 Rezepte, meist mit völlig unterschiedlichen, aber kategorischen Angaben für die "echte", einzig wahre und "originale" Variante. Alles Quatsch, meine ich, es gibt keinen Rezeptstasi, der die Parteilinie durchsetzt, es gibt nur Sachen die schmecken, und Sachen die funktionieren, und Sachen die man da hat.


Die Apotheose der Industrieflocke


Die Packerl-Knödel finde ich so himmlisch, weil ich hier mit einem extrem preisgünstigen, ewig haltbaren Halbfertigprodukt und mit überschaubarem Aufwand ein wirklich vorzeigbares Gericht basteln kann. Wegen der 10 Knödel extra Kartoffeln zu kochen, ist fad. Die musst du außerdem erst mal da haben, und was machst du mit den übrigen 2 Kilo? Weiß ich auch nicht immer, und dann schau ich den Kartoffeltrieben beim Keimen und Blühen zu.


Der Verpackungsmüll der Packerlaktion hält sich in Grenzen (Pappschachtel, 2 Alubeutel).


Sollte sich nach künftigen Vergleichstest eventuell mal herausstellen, dass die "echten" Knödel, aus "echten", selbstgeernteten, gewaschenen, gelagerten und gekochten Kartoffeln doch noch einen Tick besser schmecken als die Flockenpampe, dann werd ich mir die Sache mal überlegen.


So bin ich jedenfalls hochzufrieden, dass ich für 'n halben Euro und 'n Ei die Basis für ein klassisches, traditionelles, feines Gericht praktisch immer greifbar haben kann.


Ich bin schizo, vermutlich. Will einerseits Sachen möglichst von Grund auf und selbst gemacht. Aber, ich spreche als astrologische Waage, andererseits, warum sich das Leben unnötig schwer machen? Wenn "from scratch" heißt, ich muss das Mammut erst selbst erlegen, den Weizen erst einige zehntausend Jahre lang aus Steppengras hochzüchten, selber anbauen, mit Feuersteinsichel ernten oder aber das Erz für die Sichel selber aus dem Berg holen, schmelzen ... es ist klar worauf ich raus will, oder? Was heißt heute schon selbst gmacht? Und was ist wirklich selbst gemacht?


Nochn letztes Argument für die Industrieflocken: Ich will ja niemanden davon abbringen, Kartoffen zu kochen. Mein Zugang ist aber der, dass ich erst mal überhaupt in die Lage kommen will, einfache aber extrem schmackhafte Sachen selbst zu machen: Obstknödel etwa, aus der gleichen Masse natürlich auch pikante Knödel. Oder, wie eingangs erwähnt, Mohnzelten. Zur Not auch mal Gnocchi oder Schupfnudeln (aka Buamaspitz, Kartoffelnudeln). Obwohl sich dafür, mengenmäßig, das Kartoffelkochen schon wieder eher lohnt.


Wenn ich die süßen Knödel oder Mohnzelten oder andere gekochten oder gebackenen Kartoffeltaschen dann mal "gut kann", dann, später, irgendwann, morgen, stehts mir ja frei, je nach Lust, Zeit und Laune, das ganze "from scratch" auch mit "richtigen" Kartoffeln zu machen. Aber bis dahin muss, finde ich, ein bisschen bescheissen in der Küche schon erlaubt sein. Ich kauf ja auch den Strom, und heize nicht, um hier das nochmal aufzugreifen, wie die Urururahnen früher, ganz ursprünglich und naturverbunden, mit selbstgesammelten Ästchen aus dem gräflichen Bannwald...


 

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