Beinah ins Bockshorn gejagt (Kakav sam Carob-njak)

Appetitlich braun: das machen die Schoten des Johannisbrotbaums. Man kauft das Pulver als "Carob". (Foto: Frank Butschbacher)
Appetitlich braun: das machen die Schoten des Johannisbrotbaums. Man kauft das Pulver als "Carob". (Foto: Frank Butschbacher)

Welche exotische Strudelzutaten unsere Kroatischlehrerin alle kennt, und wie sie uns Appetit machte auf einen saftigen Kuchen (Rezept unten)

Unser Kroatischkurs ist eine stete Quelle der Inspiration: Letztes Mal steigerten wir uns vom Komparativ der Adjektive zur Frage nach unserem Lieblingswein und landeten bei Süßspeisen. Und auf einmal stand da „rogač“ am Whiteboard.


Mit dem Wort wusste keiner wirklich viel anzufangen. Auch unsere Vera, die Kroatischlehrerin, wusste nur, dass man in Österreich „Bockshörndl“ dazu sagt (aha, Zusammenhang ! „rog“ = das Horn, weiß jeder Zlatorog-Fan). Und dass „rogač“ in Kroatien wie Mohn zu allerhand Gebäck verwurstet werde.

 

Das Zeugs selbst stamme von braunen Schoten, die auf Bäumen wachsen, u.a. an der dalmatinischen Küste. Mein Interesse war geweckt.

(Hier kommt zuerst etwas Hintergrund zu diesen Baumschoten und eine wichtige Unterscheidung. Wer nur zum Rezept für die hier abgebildeten leckern Appetithappen kommen will, liest ganz unten weiter).

 

Das sind die Fakten:


„Rogač“ heißt auf kroatisch Johannisbrotbaum. Von hier könnte ich gleich zum Rezept kommen. Leider ist es nicht ganz so einfach.


Der Johannisbrotbaum hat bohnenartige Früchte. Die wurden seit uralten Zeiten von Mensch, Vieh und dem einen oder anderen asketischen Apostel gegessen. Daher das 1. B in JBB. Diese "Bohnen" schmecken leicht süßlich und sind – einmal getrocknet – jahrelang haltbar. Ideales Futter also.


Die ganzen Schoten, getrocknet, gemahlen und kräftig geröstet, ergeben das Johannesbrotmehl. Wir alle kennen es wahrscheinlich – als „Carob“. Charrub heißt der Baum einfach auf arabisch.
OK, als ich so weit war, da war ich wieder auf festerem Boden: Carob, kennt man, Ersatz für Schokolade. Das ist also die Schote "mit alles“. So ein Zeugs kaufen Ökos, wenn sie statt tödlichem Kakaopulver (Suchtgefahr: Coffein, Wahnsinn!) lieber das pflanzlich-milde, Vitalität, Potenz und geistige Fitness bis ins höchste Alter versprechende Baumschotenpulver essen.


Ein anderes Produkt aus den Schoten ist aber das Johannisbrotkernmehl.

 

Großer Unterschied!


Das Kernmehl ist Pulver nur aus den Samen, also aus dem funktional (aus Sicht der Pflanze) einzig relevanten Teil der Schote. Das ist das Zeug, wie es die Lebensmittelindustrie liebt, weil es sich so herrlich klein drucken lässt und ohne das sie uns nicht so einfach bescheissen könnte: in tausenden Produkten, vom Schlemmerjoghurt bis zum appetitlichen Hundefutter, ist das Kernmehl drin.

 

Es kann nämlich vor allem eins: Wahnsinnsmengen Wasser aufsaugen. Das sorgt in der Currywurstsauce für ein ansprechende ("gehaltvolle") Konsistenz und beim redlichen Kaufmann für bessere Rendite. Denn was wäre wirtschaftlich wohl willkommener, als uns für gutes Geld - Wasser zu verkaufen?

 

Das Zeug (Kernpulver) hat auch eine E-Nummer (E 410, Tarnname „Carubenmehl“). Aber lassen wir das. Die Welt wird immer schlechter.


Für das Kernzeugs fällt mir jetzt keine wirklich wichtige Verwendung ein (man kann sein eigenes dünnes Joghurt damit „dicker“ machen, so eine Art biologischer Wasser-Härter – bitte schön, wer mag. Vegetarier, Hindus und andere Leute mit weltanschaulich bedingten besonderen Bedürfnissen können damit Gelatine ersetzen – das ist, ich speib mich an, das gruselige, BSE-verseuchte Glibberzeugs vom Rindvieh).


Die ganze Schote dagegen taugt schon was!

 

Carob schmeckt ähnlich wie Kakao, sieht auch aus und färbt wie Kakao. Ist dafür weniger bitter und hat eine eigene Süße – das klingt doch nicht schlecht als Backzutat?


Die gute Vera hat uns in der Kroatischstunde sogleich ein Rezept online aufgerufen: Najsočniji rogač kolać. („Besonders saftiger Carob-Kuchen“. Merke: vorne naj, hinten iji, das macht den Superlati - v. Das Rezept hat sogar zum Unterrichtsstoff gepasst. Perfekt)


Dieses Rezept gibt’s hier. Ist beinah in kroatisch gehalten, nämlich auf serbisch. Da beißt man sich so durch, als Kroaten-Versteher. Ungewohnt ist die Angabe in „Schalen“ (oder Tassen). Aber beim genauer hinsehen wird klar: auch das ist definiert, jedna šolja odgovori dvasto mililitra. Nije šala! Der Kroate hätte halt šalica gesagt, aber wurscht.


Ich habe die Mengen überschlagsmäßig abgeschätzt: 5 mal 200 ml von irgendwas? Bissi viel, dachte ich, v.a. für den Anfang.


Hier die mit modernsten Management-Engineering-Methoden gedownsizete, getrimte, gecuttete Version (creepy, das Feeling für unsere Sprache in den höheren Echelonen der Volkswirtschaft, Masters of the Universe, Lords of Bullshit Castle).

 

Ich habe die Schalen-Mengen halbiert, und den Rest nach Gefühl angepasst. Masse war dann doch nicht so wahnsinnig opulent, aber genau richtig für mein Experimentalblech von etwa A4-Format.

 

So geht der Johannisbrot (Carob)-Kuchen mit Äpfeln

 

Ofen auf 180° vorheizen, Blech einfetten. Ja, jetzt gleich, denn der Teig ist nämlich in max. 10 Minuten vorbereitet. Dann fängt das Backpulver an zu blubbern und will dringend im Ofen was für sein Geld tun, und nicht in der Schüssel seinen Carbonat-Geist verzischen, während der Ofen langsam warm wird.


2 Eier mit 100ml Zucker gut schaumig rühren (3-4 min - oder auch nicht. Ich versteh solche Rezeptangaben einfach nicht ganz: Das Backpulver macht den Blubber und hebt damit den Teig. Wozu also Strom und Zeit verschwenden, und irgendwelche Hühnerembryonen schaumig prügeln?? )


100ml Mehl (oder Weizengrieß) und
100ml Carob-Pulver mischen. Evtl. 1 Prise Salz, wie immer bei Kuchen.


Unter die trockene Masse gleich 1 gestr. EL Backpulver und 2 geh. EL Kakaopulver mischen.

Die „Knoddel“ (Bröckchen) sollten verschwinden, v.a beim Backpulver, das nämlich sonst nicht gleichmäßig wirken und heben kann. Ggf. alles durchsieben.


Jetzt würde ich die 2 Äpfel schälen (nach Gusto) und grob reiben. Sie stehen eh nicht mehr lange genug rum zum Braunwerden, und im Carob-gefärbten Kuchen fällts eh keinem auf.


Dann zügig, aber ohne Staubexplosionen zu provozieren, noch 100ml Milch und 100ml Öl in die Mehlmischung einrühren, danach die Äpfel und schließlich die schaumige Eiermasse dazu. Fertig.


Rauf aufs Blech und ab in Ofen.

 

20 Minuten später mal checken (ich hab den Finger auf den Teig gehalten, Alternativen sind Zahnstochertests oder spektroskopische Analysen). Nach 25 Minuten war ich zufrieden. Der Kuchen auch, wie sich später rausstellte.


Etwas abkühlen lassen (ich hab ihn auch gleich aus dem Blech auf ein Brett gekippt). Inzwischen so 50g Kochschokolade mit 1 EL Öl im Wasserbad, über Dampf oder mit Neutronenstrahlen schmelzen. Dann den Kuchen damit einstreichen.

 

Schmeckt wirklich supifein, und die Äpfel machen saftmäßig was her. Mir hat der Schokoüberzug locker gereicht. Ein Schlag Schlag drauf wird der Sache aber sicher nicht schaden.

 

Uživaj!

Fertig gebacken, gestürzt und verputzt: Hinten mache ich bewusst keine Schleichwerbung für das Carob-Pulver von Schneewittchen. Oder wars das Rotkäppchen? So eine Märchentrulla halt. (Foto: Frank Butschbacher)
Fertig gebacken, gestürzt und verputzt: Hinten mache ich bewusst keine Schleichwerbung für das Carob-Pulver von Schneewittchen. Oder wars das Rotkäppchen? So eine Märchentrulla halt. (Foto: Frank Butschbacher)

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